Völkerwanderung in Friedrichshagen

Heute genau nach 90 Jahren jährt sich eines der attraktivsten Ortsderbies im Fußball, am 12. März 1931 gab es eine kleine Völkerwanderung in das Hirschgartendreieck....

 

Es ist ja eine große Besonderheit unseres Ortes und wohl im gesamten Berliner Fußball einmalig, dass sich die beiden rivalisierenden Ortsvereine zur damaligen Zeit von 1920 bis 1944 nie im Ligaalltag gegenüber standen. Zumeist war Burgund höher angesiedelt, wenn sie dann mal schwächelten, stiegen die 09-er auf und umgekehrt.

Aber die Rivalität, die Konkurrenz und die Anhängerschaft verlangte nach Wettbewerb, wer ist aktuell d e r beste Friedrichshagener Verein ?
Und so verabredeten Anfang der 20ziger jahre die Clubgewaltigen 2x (Frühjahr und Herbst, meist Totensonntag) im Jahr „freundschaftliche“ Spiele, dies hielt man ziemlich konstant durch.

Nur in wenigen Jahren machte das Wetter oder eine „Verstimmung“ zwischen den Clubs eine Austragung unmöglich. Diese Spiele spalteten vor- und nachher den Ort, Risse gingen quer durch Familien, zumal in beiden Teams auch Verwandte spielten.

 

So auch am 12. März 1931, die meisten Zuschauer strömten vom Marktplatz über die Schulstresse (heute Aßmannstrasse) zum Waldsport-Platz, viele aber auch kamen von der Tram, Westend, Hirschgarten oder Yachtwerft, Seestrasse und hatten den kürzeren, aber keinesfalls lärmärmeren Weg vor sich. Die Chefs (auch unser Burgunder Max Hecker) konnten sich freuen. Mehr als 1000 Zuschauer spülten auch etwas Geld in die Kasse, zudem der Umsatz an flüssigem Gold und die Buletten brutzelten drei Stunden lang.
Eine große Vorfreude also allseits, Frotzeleien, Spottgesänge, ernsthafte Diskussionen über Favoritenrolle, Aufstellungsdiskussionen usw. machten wie immer die Runde.
Nach dem Spiel, gerechtes Remis, ging man wie immer diskutierend nach Hause, aber das Spiel wirkte noch in die Woche nach....

Für uns alle, die wir aktuell immer noch keine Spiele „live“ sehen können, hier mal der authentische Bericht des bereits 12. Derbies zwischen den Grün-Weißen und den 09-er Rothosen, geschrieben von Werner List, Vorstandsmitglied Burgund und auch FuWo-Redakteur:

 

Das 12. Ortsderby, prachtvolles Wetter, 1000 Zuschauer, Friedrichshagen ist vom Fußballbazillus verseucht, alle Prominenz und Bonzen anwesend, Fanatiker in getrennten Lagern.
Erwähnt wurden ausdrücklich Freund Tieste (rechter Verteidiger 09) und Töpfer. Schiedsrichter: Hr. Naumann war gut und diskret.

 

Aufstellung:

Burgund 1912 mit: Schönherr, Töpfer, Krüger, Müller, Glomm, Gotta, Schulze, Leps, Bürg, Scholz und Dallaschinski.
SV 09: Schilhaneck, Tieste, Gollnow, Hampsch, Kahlisch, Wedel, Gallhaus, Mönch, Schmidtke, Lach, Hachmann.

 

Spielverlauf:
„Die Grünen verzettelten sich wieder in Überkombinationen. Mönch/Gallhaus gehen durch, Flanke hoch vor Burgundtor, Lach quetscht sich mit Ball durch Deckung, Krach: 1:0. Die Roten haben nun durch ihr Weitspiel etwas mehr vom Kampf,
Burgund arbeitet auf Ausgleich, aber die beiden Außenleute setzen sich kaum einmal durch, unerwartet kommt der Burgundtreffer, Leps flankt einen unmöglichen Ball ein, Bürg / Tieste verpassen, Scholz aber pfeffert ihn in die unerwartete Ecke.
Nämlich Burgund drehte auf und legte 35 Minuten lang einen eisernen Ring um das Tor der SV. Die fünf grünen Stürmer und ihre drei Läufer setzten sich in der feindlichen Hälfte fest. Kahlisch allerdings war gleichzeitig an 4, 5 Stellen. Dramatische Kampfszenen von grandioser Wucht erlebten wir. Prachtvolle Eckbälle wehrt Schilhaneck ab.
Kurz vor Schluss der Kampf offener. Hachmann bricht bei Burgund einige Male durch. Mönch oder Schmidtke nutzen blitzschnell die Situation. Schuss ! Schönherr wirft sich, berührt die rollende Kugel, die um Millimeter am Pfosten vorbei sich zur Ecke dreht. 350 Steine poltern von Burgundherzen. SV bewies kämpferische Qualitäten, Burgunder waren wieder die technischen Zauberer.
Beste waren die alte Garde: Schwager Kahlisch und Gotta, dann Müller und Tieste.

 

Es war viel los, wie eben immer bei diesen Spielen und ab und an lohnt auch mal der Blick zurück...

 

ME