Wichtige Ergebnisse

100 Jahre Ortsderby mit FSV 1912

Am 9. März jährt sich zum 100. Mal das erste „richtige“ Ortsderby mit FSV 1912 (damals SC Burgund) Beteiligung.

 

Schon kurz nach Umbenennung Mitte Januar 1919 von SC Hohenzollern zu S.C. Burgund 1912 suchte man Spielpartner, um sich zu messen. So verabredeten die Vereinsoberen von Burgund und VfB 1909 Friedrichshagen auch im Frühjahr, den noch chaotischen politischen Verhältnissen in Friedrichshagen trotzend, ein Testspiel.

Der VfB 09 als damals anerkannter und schon etablierter Verein war integriert in die spärlich beginnenden Meisterschaftsspiele und damit ein echter Prüfstein, wie anzunehmen war. Der VfB fusionierte später mit FC Allemania 1911 zum starken SV 09 Friedrichshagen, dem dann einzigen Ortsrivalen von Burgund von 1923 bis 1942 mit unvergessenen jährlichen Begegnungen.

In die Begegnung am Sonntag, den 9. März, bedeckt, schneefrei, 6 Grad, ging der VfB damit als hoher Favorit, der „frische“ Burgund hatte kein Spiel seit langer, langer Zeit mehr bestritten, war zufrieden, dass mehr aus dem schrecklichen Krieg wiederkamen als befürchtet und niemand konnte das Spielvermögen folglich so richtig einschätzen. Umso verwunderter waren die zahlreichen Zuschauer vom Ergebnis, die Grün-Weißen Burgunder gewannen erstaunlich glatt 6:1.

Das gab Mut und so forderte Burgund den Vergleich mit dem damals stärksten Friedrichshagener Verein: FC Allemania 1911.

Am Sonntag, dem 6. April 1919, sonnig, 13 Grad, bestes Fussballwetter für diese Jahreszeit, maß man sich und die Allemannen gewannen mit Mühe 3:2. Dieses Match fand einen hohen zuschauerseitigen und publizistischen Zuspruch und für den 1. Mai 1919 verabredete man sich zum „Retourspiel“. Es wurde denkwürdig !
Christi Himmelfahrt, 1. Mai 1919, kühl, bedeckt, mehrere Hundert Zuschauer und ein unerwarteter Spielverlauf, hier das Original:


„Burgund wie Allemania spielten in stärkster Besetzung, Bald nach Beginn 1:0 für Burgund durch Schmidt II. In regelmäßigen Abständen folgten bis zur Halbzeit 4 weitere Treffer durch Plew, Schneider II, Schmidt II. Halbzeit 5:0. Nach HZ forcierte Allemannia, aber alle Angriffe scheiterten an der starken Burgunder Abwehr. Bei offenem Spiele erzielt Burgund noch 2 Tore durch Schneider II und Schmidt II. Der hohe Sieg von Burgund über Allemania mit 7:0 ist einerseits dem hervorragenden Spiles des Burgunder Torwarts Schmidt I zu verdanken, der hielt, was zu halten war, während sein Gegenüber dem Sturm der Grün-Weißen absolut nicht gewachsen war. Beide Läuferreihen waren gleichwertig.“

Ein sportlicher Paukenschlag in Friedrichshagen und der erste überlieferte Spielbericht.
Bemerkenswert: im „Vorspiel“ maßen sich die Reserven, was bedeutet, Burgund konnte schon 2 Teams auf die Beine stellen und Wettkämpfe austragen ! Hier das Ergebnis 1 : 7 aus unserer Sicht.

Ab diesem Zeitpunkt folgten jährlich einige Vergleiche, auch mit Rapide, Gloria und Saxonia Friedrichshagen, bis zu den legendären und über den Ort hinaus Aufsehen erregende Ortsderbies zwischen Burgund und SV 09 in den zwanziger und dreißiger Jahren. Diese spalteten anhängerseitig den Ort, die „Risse“ gingen teils durch die beteiligten Familien Schmidt, Schneider, Kahlisch, Gotta, Lehmann. Die Zuschauerzahlen in der Mehrzahl vierstellig, in der Spitze sagenhafte 1 600 (!!) fanatische „Krakeeler“ (wie man süffisant im Lokalblatt mal bemerkte...) im Hirschgartendreieck. Dies bei einer Einwohnerzahl von knapp 16 000, eine riesige Euphorie und ein Fanatismus, der Anlass zu tagelangem Gesprächsstoff nicht nur in der Stehbierhalle von Scholz in der Friedrichstrasse sorgte.

Wer sich weiter interessiert, im Buch zum 100-jährigen Bestehen unseres Vereins von 2012 wird es durch M. Piethe im Kapitel Ortsderbies wunderbar beschrieben.

 

Diese Ortsderbies mit SV 09 hatten Kultcharakter und einen für heutige Zeiten unvorstellbaren gesellschaftlichen und sportlichen Hintergrund, auch weil sich beide Vereine NIE in einer Meisterschaft messen konnten. Sie spielten 22 Jahre in unterschiedlichen Ligen, Burgund in 20 Jahren dabei leistungsseitig immer höher und doch wollte jeder Verein beweisen, dass er eben, unabhängig von Meisterschaftsplätzen, der Beste im Ort ist.. . Sei es auch nur für ein halbes oder ein Jahr.
Insgesamt gab es 21 Vergleiche über 19 Jahre weg von 1923 bis 1942, ab 1928 sogar zwei Spiele pro Jahr, meist an Christi Himmelfahrt und/oder Buß- und Bettag.
Verständlich: die Wochenenden waren ja oft besetzt mit Verpflichtungen in der jeweiligen Meisterschaft, aber auch gewollt, denn an diesen „freien“ Tagen strömten eben immer viele zum Platz und sorgten auch so für Umsatz, Gesprächsstoff für mehrere Tage und Vorfreude auf das nächste Derby...
Es gab auch Jahre, da war man sich „nicht so grün“, Zank, Streit und verbale Scharmützel ließen kein „Bruder- und Schwagerkampf“ zu, aber das legte sich schnell wieder, die treue Zuschauerschaft in beiden Lagern forderte es vehement ein...

 

Nach 1945 gab es keinen echten Ortsrivalen mehr (Turbine Wasserwerke und Kickers Hirschgarten ausgenommen), erst nach 1990 wurde diese „Tradition“ mit Burgund gegen Eintracht Friedrichshagen fortgesetzt, Hier „nur“ Meisterschaftsduelle, oftmals hitzig, oftmals ohne Sieger, eben Derbies mit hohem Ehrgeiz und gutem Zuspruch und natürlich auch in dieser aufregenden Zeit mit tagelangen „Nachgeplänkeln“, so, wie diese rivalisierenden Ortsderbies eigentlich sein soll(t)en.

 

ME 08.03.19